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Bis ans Ende der Welt
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| Reisebericht Jakutien (Sacha) |
Einen Frühling im März bei Minus 30 Grad haben meine Frau und ich zum ersten Mal auf der letzten Missionsreise nach Jakutien erlebt. Die Einheimischen genossen die ersten warmen Sonnenstrahlen.
Ehrlich gesagt, bei uns kamen die Frühlingsgefühle nicht gleichermassen auf. Matthias kam immer das Lied „Bis ans Ende der Welt – deine Liebe hält – sie wird niemals vergehn“ in den Sinn. Wir waren wirklich am Ende der Welt! Es tat gut zu wissen, dass im Missionsbefehl folgende Verheissung steht: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Aber nun alles der Reihe nach. Unsere ersten zwei Stationen der 12-tägigen Missionsreise waren Kazan und Tschelny in Tatarstan. Tatarstan liegt 800 km östlich von Moskau am Zusammenfluss der Wolga und Kama. Im nächsten Info-Heft berichten wir gerne über unsere Begegnungen und die Arbeit in Tatarstan.
Der Empfang in Jakutsk am Flughafen wurde uns im Vorfeld folgendermassen beschrieben: „Ihr werdet aus dem Flugzeug steigen, mit einem Bus an ein Tor gefahren, das Tor wird aufgehen und ihr seid bereits draussen. Dort werde ich (Valentin) euch empfangen und anschliessend holen wir die Koffern.“ Das gefällt uns – ist es doch etwas unkomplizierter als in unserem hochmodernisierten und „sicheren“ Europa. So wie beschrieben trafen wir ausserhalb dieses Tores am Morgen um 05.30 Uhr auf unseren Missionsleiter Valentin Nikonenko. Nachdem wir bei Valentin und Luba gefrühstückt hatten, gingen wir 3 Stunden schlafen. Anschliessend besuchten wir die Sacha-Konferenz in Jakutsk. Über 200 Sacha aus ganz Jakutien haben an der dreitägigen Konferenz teilgenommen. Valentin hat mir beim Hinfahren schonend erklärt, dass ich dann ein Grusswort und eine Predigt halten soll. Ein Höhepunkt war, dass an diesem Tag, am Schluss der Konferenz, sechs Personen Jesus Christus in ihr Herz aufgenommen haben!
Am nächsten Tag brachen wir auf eine viertägige Exkursion ins Gebiet Chandyga auf. Das war einfach genial und einzigartig. Ich habe als Transpörtlersohn schon viel erlebt auf und neben den Strassen. Dass ich aber mit einem Fahrzeug auf einem Fluss fahren kann, links und rechts das Ufer sehe, das grenzt doch schon an ein Wunder. Nein, in Jakutien nicht. Wir haben deshalb auch diese noch kalte Jahreszeit ausgewählt. Denn im Winter haben sie Strassen – was man im Sommer nicht sagen kann. Wir fuhren mit unserem Bus vielfach auf zugefrorenen Flüssen und Seen. Der Strassenunterhalt ist auch sehr kostengünstig. Jeden Sommer wird der „Belag“ entfernt und im Herbst/Winter erneuert!
Am Sonntag besuchten wir zwei Gottesdienste. Fränzi und ich sassen bereits auf der Bank im Gottesdienstraum – ca. 60 Personen waren versammelt. Um 09.55 ruft der Pastor alle Männer in einen Nebenraum. Er gibt das Programm bekannt. Immer wieder geht die Tür auf und es kommen noch Männer herein. Der Pastor sagt schmunzelnd: „Wer kommt wohl heute als Letzter herein. Meistens muss nämlich dieser predigen. Nur heute ist es nicht so – wir haben Gäste und die werden das zweistündige Programm übernehmen.“ Somit wussten wir, was wir zu tun hatten! Spontan und flexibel das muss man in diesen Ländern sein! Die geistliche Situation in der grössten Republik Russlands ist noch erbärmlicher als in Tatarstan. Nur ca. 600 evangelikale Christen in ganz Jakutien. Bis jetzt gibt es sieben Sacha-Gemeinden und ca. 40 kleinere Hausgemeinden. Valentin Nikonenko berichtet uns, dass er den Stab der Missionierung bereits in die Hände von Einheimischen übergeben hat. Seine Vision für die kommenden Jahre ist die Sacha-Christen auszubilden, zu begleiten und zu befähigen, damit sie ihr eigenes Volk mit dem Evangelium erreichen und Gemeinden gründen.
Im zweiten Gottesdienst, zwei Stunden Fahrt nördlich, fragte ich den Pastor, was er beruflich arbeite? Er sagt voller Stolz: „Ich bin Feuerwehrlöschfahrer in meinem kleinen 1'000 Seelendorf.“ Ich fragte ihn, ob er denn genügend Arbeit habe? „Nein, in den letzten Jahren gab es keine Brände.“ Typisch Russisch! Sie haben noch viele Jobs, die bei uns schon längst wegrationalisiert wären. Hierzu ein passender Witz: Ein Russe sagt: „Irgendwie möchte ich arbeiten. Ich versuche mich etwas hinzulegen, vielleicht vergeht es ja.“
Am nächsten Tag brechen wir mit unserem Bus noch weiter Richtung Nord-Osten auf. 5 Stunden abenteuerliche Fahrt mit Pick Nick am Lagerfeuer. Heute wollen wir zwei Gulag-Lager besichtigen. Auf der Strasse, die wir befahren, haben tausende von Zwangsarbeitern geschuftet und viele sind dabei gestorben. Beerdigt wurden sie direkt unter der Strasse. Über 2 Millionen Menschen wurden in diesen sogenannten „Zurechtbringungslagern“ in Jakutien inhaftiert. In der ganzen Sowjetunion spricht man von bis zu 22 Millionen Gefangenen. Davon starben die meisten an Unterernährung, Kälte oder Krankheiten. Die Russische Regierung will dieses Kapitel verschweigen oder übersehen. Valentin führte uns zu zwei zerfallenen Gulag-Lagern. Wir konnten sie auf eigene Verantwortung ansehen und uns nur ansatzweise Gedanken machen, was für eine harte Zeit diese Menschen in der sibirischen Kälte durchstehen mussten. Ein Sacha hat uns in der Gemeinde gesagt: „Überlebt haben diejenigen, die Lebensmut und Hoffnung hatten – vielfach waren dies Christen!“
Auf der Rückreise nach Jakutsk besuchten wir nochmals zwei Sacha-Gemeinden. In jeder Gemeinde wurde uns gedankt und der Freude über das jakutische Neue Testament und die neuen Psalmen in ihrer Muttersprache Ausdruck gegeben. Diesen Dank will ich hiermit an Sie, liebe Spender, weiterleiten. Beten Sie mit uns, dass das Wort Gottes Menschen berührt und neues Leben in diesem vom Tod (Gulag) und Not geprägtem Land entstehen darf.
Zurück in Jakutsk freuten wir uns auf eine Dusche und „unser“ warmes Bett. Zum Abschluss unserer Reise gab es noch einen Höhepunkt. Wir trafen alle LIO-Missionare bei einem feierlichen Abendessen. Es traf sich gut, dass gerade in dieser Woche ein Seminar für Missionare und Pastoren stattfand. Die Begegnungen und Gespräche waren sehr offen und fröhlich. Wir überreichten viele Grüsse aus der Schweiz und ein typisch schweizerisches Geschenk (SIGG-Thermokrug). An diesem Abend durften wir nochmals einen feinen, gefrorenen Fisch kosten und einen leckeren Kuchen von Luba.
Wir verliessen am Donnerstagmorgen ein Land der Gegensätze. Im Winter bis Minus 70 Grad und im Sommer bis Plus 40 Grad. Ein Land mit einer traurigen Geschichte (Gulag) und heute mit einem kleinen Aufbruch: Neues Leben und Gemeinden entstehen. Wir danken im Namen unserer Missionare ganz herzlich für alle Unterstützung. Die Mission am Ende der Welt ist noch nicht am Ende – Fortsetzung folgt.
Jakutien (Sacha) – Statistik
Hauptstadt: Jakutsk Fläche: 3.1 Mio km2 Schweiz: 40'000 km2
Bevölkerung Einwohner: Die Jakuten sind ein jakutischsprachiges Turkvolk. Total: ca. 1 Mio 45% Jakuten 41% Russen 3,6% Ukrainer 1,9% Ewenken 1,2% Ewenen 1,1% Tataren
Bevölkerungsdichte: 0,3 Person / km2 Schweiz: 188 Einwohner / km2
Sprachen Jakutisch, Russisch
Klima Winter bis -70 Grad Sommer bis +40 GradNirgends auf der Erde werden grössere Temperaturdifferenzen gemessen als in Jakutien. Permafrost: Der Frost erreicht Im Nordwesten bis zu 1500 Meter Tiefe. In der Stadt Jakutsk ist der Boden bis in 250 m Tiefe gefroren
Bodenschätze Jakutien wird die „Goldgrube Russlands“ genannt - Gold - Diamanten - Erdöl - Kohle
Religion Schamanismus (Glauben an zahlreiche Geister) Evangelikale Christen: Russland = 0,7 % / Schweiz = 4,1% / Jakutien = 0,05% (ca 600 Menschen)
Matthias Schöni Missions- und Geschäftsleiter Industriestrasse 1 8404 Winterthur 052 245 00 50 lio@lio.ch www.lio.ch
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