Von Weihnachtsmännern...
… und anderen Weisshaarigen
Als meine Frau und ich vor gut neun Jahren in Guinea ankamen, da wünschte ich mir manches Mal, ein paar Jahrzehnte mehr auf meinem Haupt zu haben. Ich war damals neunundzwanzig und sah zu allem Überfluss auch noch ein paar Jahre jünger aus. Mit dem unvermeidlichen Ergebnis, dass ich in der lokalen Kultur Statusprobleme hatte.
Manchmal stellte ich mir vor, wie anders unsere Arbeit wohl funktionieren würde, wenn ich eine Art Weihnachtsmann wäre: ein körperlich schwergewichtiger Typ mit weissen Haaren und langem Bart …
Mit 55 Jahren im Kreis der Geehrten
Aber auch für einen Pulo (Einzahl von Fulbe) ist es nicht einfach, akzeptiert zu werden. Kulturell wird er nämlich erst relativ spät erwachsen. Bis etwa Vierzig gilt er – ähnlich wie damals im alten Israel – als junger Kerl. Erst wenn er zum „Mawdho“ (gesprochen „Maudo“ – alter Mann) wird, ist er eine
Respektsperson. Meine improvisierte Umfrage ergab ein Alter von 55 Jahre als Eintrittskarte in den Kreis der Geehrten. Zusätzlich muss ein Pulo übrigens auch verheiratet sein, um wirklich in der Gesellschaft anerkannt zu sein. Wenn jedoch die Rahmenbedingungen stimmen, dann kommen Ehre und Status mit den Jahren wie von selbst, nicht zu vergessen der Respekt.
Im alltäglichen Umgang nimmt die Höflichkeit normalerweise keinen übermässig grossen Platz ein. So wird beispielsweise ohne Umschweife und ohne Bitte „Gib mir Wasser!“, gefordert. Mit älteren Herrschaften kommen plötzlich die Möglichkeiten des „Bitte“ und „Danke“ zum Vorschein. Weshalb wir im Jugendcenter immer wieder mal fragen: „Würdest du so mit deinem Grossvater sprechen?“
Genauso viel Respekt und Hörbereitschaft bringen die Leute in der hiesigen Kultur auch älteren Ausländern entgegen. Die reiferen Jahrgänge geniessen eine Menge Vertrauensvorschuss, den sich jüngere Leute erst erarbeiten müssen. Denn mit ihrem Alter haben sie auch Lebens- und Glaubenserfahrungen gemacht. Und auf diese Erfahrungen wird gern gehört.
Afrikanisches Kompliment
Mittlerweile bin auch ich älter geworden. Zum Mawdho fehlen mir trotzdem noch ein paar Jahre. Aber mit der Zeit hat auch unser Wort an Gewicht gewonnen. Denn ganz abgesehen davon wie alt wir sind – unsere Mitmenschen schauen darauf, wie wir mit ihnen leben.
Doch nicht nur wir haben uns verändert. In unserer Stadt ist Vertrauen gewachsen, auch ohne dass ich mir graue Haare geholt hätte. Und so bekam ich vor kurzem ein typisch afrikanisches Kompliment, auch wenn’s für junge europäische Ohren fast wie ein Affront klingt: „Er sieht vielleicht nicht so aus – aber im Kopf ist er schon ein alter Mann.“
Heiko und Romy Schwarz sind Mitarbeitende von ActionVIVRE in Télimélé, Guinea (Westafrika).
Weitere Informationen über die Arbeit der SAM findest du unter www.sam-info.org oder 052 269 04 69.






