Ziel
Ist Mission noch ein Thema?
Interview mit Karl Albietz
Für wen ist Mission ein Thema?
Für Gott sicher! ‹Mission› ist sein tiefstes Anliegen. Nicht umsonst hat er dafür den höchsten Preis bezahlt (Johannes 3,16). So schnell lässt sich Gott von seinen Rettungsplänen nicht abbringen. Im Lauf der Jahrhunderte hat er schon viel grössere Missionskrisen durchstehen müssen als heute. Wären seine Pläne von seinem ‹Bodenpersonal› und dessen Strategien abhängig, sie gehörten längst der Vergangenheit an. Dass es die Gemeinde überhaupt noch gibt, ist ein grosses Wunder.
Und in der Gemeinde?
So pauschal lässt sich das nicht sagen. ‹Die Gemeinde› gibt es ja nicht, sondern nur die XY-Gemeinde in A oder B. Jede Gemeinde ist anders, auch in einem anderen Zustand. So kann die Gemeinde X heute in einer grossen Krise stecken und morgen (oder besser: in einem Jahr) wieder voll in Fahrt sein. Insgesamt täuscht aber der Eindruck nicht, dass in den Gemeinden der Schweiz der Schwung früherer Jahre weg ist. Das Thema ‹Mission› elektrisiert nicht mehr, löst höchstens noch ein müdes Lächeln aus. Missionsgesellschaften werden kaum mehr eingeladen. «Sie holen unsere besten Leute und ziehen den Leuten das Geld aus der Tasche» – ein Argument, das oft zu hören ist.
Wir leben gefährlich
Wir Europäer sind stolz auf unsere weltmissionarischen Pioniere. Hudson Taylor, William Carey oder Zinzendorf sind noch heute klingende Namen. Aber von der Vergangenheit lässt sich nicht leben. Gott ist heute an der Arbeit.
Zum Glück ist die prekäre Situation in Europa nicht typisch für das, was Gott weltweit tut. Im Osten und Süden geschieht Erstaunliches. Gott ist auf uns nicht angewiesen. Wenn wir nicht (mehr) wollen, findet er mühelos neue Leute in anderen Ländern. Aber wir verzichten auf ‹Mission› auf eigene Gefahr. Denn wer sich nur noch um sich selber dreht, verliert seine Anziehungskraft und wird bedeutungslos.
Wir würden den Gemeinden Unrecht tun, wenn wir die Schuld für ihr fehlendes Interesse an Mission pauschal nur bei ihnen suchen würden. Die Welt ist radikal anders geworden. Der lebendige Gott hat Konkurrenz bekommen.
Andere Ideologien werden mit der Tagesschau oder dem Internet frei Haus geliefert. Unsere Mobilität bringt uns in wenigen Stunden und zu tiefen Preisen in Gegenden, wo früher nur Missionare hinkamen. Zu Hause sorgen Stress und Überbeanspruchung am Arbeitsplatz dafür, dass keine Zeit und Kraft mehr für Gemeinde und Mission übrig bleiben. Die Ratlosigkeit in den Gemeinden ist mit Händen zu greifen. Aber was kann schon ein Einzelner erreichen, wenn die Gemeinde und ihre Leiter nicht mehr wollen?
Missionare sind von der Interesselosigkeit in den Gemeinden existenziell am direktesten betroffen. Sie sind keine Exoten mehr. Ihre Rückkehr in die Heimat ist keine Sensation mehr wie noch vor 60 Jahren. Sie treffen zu Hause auf eine satte Schweiz und träge Gemeinden.
Das Interesse für die ‹Verlorenen› – vor Ort und global – liegt bei null. Ihre Tätigkeit ‹draussen› stösst deshalb auf wenig Resonanz. Früher waren Missionsberichte ein Höhepunkt im Gemeindeprogramm. Heute müssen Rückkehrer und Heimataufenthalter froh sein, wenn man ihnen im Gottesdienst noch fünf Minuten für einen Kurzbericht zuteilt.
Heisst das, dass wir mit unserem Abschied von der missionarischen Weltbühne rechnen müssen?
Gott wäre nicht Gott, wenn dies so wäre.
Der Schöpfer ist heute noch schöpferisch an der Arbeit. Immer wieder holt er sich in aussichtslosen Situationen neue Leute – auch unter uns. Menschen, die ihm bedingungslos zur Verfügung stehen und sich von ihm brauchen lassen. Wer weiss, vielleicht bewirken diese Zeilen in einzelnen Gemeindegliedern eine neue Bereitschaft zum Dienst für Jesus. Wenn «das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt verkündet wird, zum Zeugnis für alle Völker», erst dann wird das Ende kommen (Matthäus 24,14). Noch haben wir Zeit und Gelegenheit, die Situation in unseren Gemeinden zu verändern.
Vorbilder gesucht
Gottes Geschichte mit den Menschen zeigt, dass es immer Einzelne waren, die Neues wagten und ungewöhnliche Wege beschritten. Nicht die passiven Beobachter, sondern die einsatzbereiten ‹Täter des Wortes› verändern Gemeinden, bewegen die Welt. Unspektakulär vielleicht, aber wirksam.
«Zwei Drittel der Weltbevölkerung lernen nicht aus Büchern» sagte Detlef Blöcher, Direktor der Deutschen Missionsgemeinschaft, «nicht durch abstrakte Begriffe und Drei-Punkte-Predigten, sondern durch erzählte Geschichten, persönliche Begegnungen und eigene Erfahrungen. Darum sind weiterhin Botschafter der Guten Nachricht gefragt, damit Menschen rund um den Globus die Liebe Gottes auf authentische Weise erfahren.
Karl Albietz
war bis 2007 Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde Wetzikon, in früheren Jahren Vorsteher im Diakonieverband Ländli und von 1991-2001 Direktor der Pilgermission St. Chrischona.
Er lebt jetzt im Ruhestand in Schaffhausen. Karl ist verheiratet mit Helene. Sie haben drei verheiratete Kinder und neun Enkel.






